1892 – 1921 Die große Zeit der Motorenfabrik Oberursel


Nach seinem Studium zum Maschinenbauingenieur setzte Willy Seck in der Oberurseler Maschinenfabrik seines Vaters die Entwicklung eines einzylindrigen Stationärmotors fort, den er, wegen der stabilen und gedrungenen Bauweise, GNOM taufte.

Dieser mit Gas oder mit Petroleum arbeitende Motor wurde gegen das Jahresende 1891 der Öffentlichkeit präsentiert, und zu dessen Bau und der weiteren Entwicklung gründete Vater Wilhelm Seck die Motorenfabrik Oberursel unter der Firma „W. Seck & Co“. Das Königliche Amtsgericht in Homburg legte den Gesellschaftsbeginn und damit das Gründungsdatum auf den 15. Januar 1892 fest.

Der vor allem in der Landwirtschaft und beim Kleingewerbe auf großes Interesse stoßende Motor fand guten Absatz und räumte auf den seinerzeit wichtigen Ausstellungen viele Preise und Medaillen ab.
Nach dem Tod des Firmengründers Wilhelm Seck im Januar 1896 - da hatte man bereits eintausend der Gnom Motoren produziert, ebenso die ersten „Lokomobile“, und der Franzose Louis Seguin hatte schon die Lizenz für den Bau und Vertrieb des Motors in Frankreich erworben wurde die Firma in eine GmbH gewandelt. In diese Zeit fiel die Entwicklung von Schiffswinden, die auf den damals ihre Blütezeit erlebenden Großseglern die Oberurseler Motoren in alle Welt brachten, und die Entwicklung eines „Motorwagens“ durch Willy Seck. Dessen verwehrten ihm allerdings seine Mitgesellschafter, und so verließ Willy Seck die Motorenfabrik und Oberursel im Frühjahr 1898. Er setzte seine setzte seine Ingenieurslaufbahn mit der Entwicklung verschiedener aber meist nur kurzlebiger Automobiltypen fort und wandte sich dann Aufgaben insbesondere der Motorzündung und der Gemischbildung zu. Er starb 1955 in bescheidenen Verhältnissen in Berlin-Wilmersdorf. Sein Ausstieg als Anteilseigner aus der Motorenfabrik war einer der Anstöße zur Wandlung der Firma in eine Aktiengesellschaft Mitte des Jahres 1898.
 

Im Jahr 1900 nahm die Motorenfabrik den Bau von Motorlokmotiven auf, die sich bald einen bedeutenden Namen bei den Tunnelbauprojekten in den Alpen machen konnten. Auch als Gruben-, Rangier-, Werk- und Feldbahnlokomotiven fanden sie breite Verwendung. Mit den im Ersten Weltkrieg produzierten etwa siebenhundert Heeresfeldbahnlokomotiven stieg die Motorenfabrik mit insgesamt etwa zweitausend bis 1922 gebauten Exemplaren zum zweitgrößten Hersteller in Deutschland nach der Gasmotorenfabrik Deutz auf. Anfangs waren viele dieser Lokomotiven mit Spiritusmotoren ausgestattet, bei deren Einführung die Motorenfabrik Oberursel ab 1899 eine Vorreiterrolle in Deutschland eingenommen hatte. Die Verwendung des Spiritus als Kraftstoff wurde seinerzeit stark vom Staat gefördert, der damit den Branntweinkonsum eindämmen wollte.

1912 – Eine neue Fabrik entsteht: Mit den wachsenden Geschäften waren die Baulichkeiten der noch auf das Jahr 1882 zurückgehenden Fabrik immer wieder erweitert worden. 1911, als diese Möglichkeiten ausgeschöpft waren, wurde der Grundstein für einen neuen Fabrikkomplex unterhalb des bisherigen Werks gelegt. Der 1912 in Betrieb genommenen „Dieselmotorenhalle“ folgten 1913 der daran angebaute Trakt der Flugmotorenhalle und bis 1918 weitere Hallentrakte und das eindrucksvolle neue Verwaltungsgebäude. Dieses Gebäudeensemble, das bis heute das Bild der Motorenfabrik prägt, wurde 1980 zum Kulturdenkmal erklärt.

Die Flugmotoren im Ersten Weltkrieg: Im April 1913 erwarb die Oberurseler Motorenfabrik die Lizenz zum Nachbau und zur Vermarktung der erfolgreichen französischen Gnome Umlaufmotoren von der Société des Moteurs Gnome der Gebrüder Seguin in Frankreich, jenem Seguin, der den Aufschwung seiner 1895 gegründeten ersten Firma dem Bau der von Seck lizensierten Gnom Motoren zu verdanken hatte. Bald danach brach der Erste Weltkrieg aus, und die rasante Entwicklung der Militärfliegerei führte zu einem tiefgreifenden Wandel in der Motorenfabrik Oberursel. Nun wurden hier zunehmend die aus dem französischen Gnome entwickelten „Oberurseler Umlaufmotoren“ produziert, bis Ende 1918 etwa dreitausend Stück. Am bekanntesten wurde der Neunzylinder UR-II Motor im Fokker Dreidecker Dr I. Mit diesem Dreidecker errang Manfred Freiherr von Richthofen, der erfolgreichste deutsche Jagdflieger im Ersten Weltkrieg, 19 seiner 80 Luftsiege, bis er am 21. April 1918 an der Somme abgeschossen wurde.

Neben den etwa dreitausend Neubaumotoren wurde eine wohl kaum geringere Anzahl von Motoren im Werk überholt, und annähernd fünftausend Soldaten besuchten die im Werk eingerichtete Motorenschule, wo sie in einem jeweils vierwöchigen Lehrgang in den Betrieb und die Instandsetzung der Oberurseler Flugmotoren eingewiesen worden waren.

In den schwierigen Zeiten nach dem Ersten Weltkrieg gelang es der Motorenfabrik Oberursel nicht, an die früheren Verkaufserfolge ihrer Motoren und Maschinen für den zivilen Einsatz anzuknüpfen. Den Niedergang konnte auch ein kleiner Einbaumotor für Fahrräder, der „Oberurseler Gnom“, nicht aufhalten. Immerhin entstanden daraus die Motoren der legendären Motorradmarke HOREX. Wegen ihrer wirtschaftlichen Probleme ging die Motorenfabrik Oberursel Ende 1921 notgedrungen eine Interessengemeinschaft mit der älteren und wesentlich größeren Gasmotorenfabrik Deutz ein.

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